Wenn eine Zentralbank die Zinsen anhebt, könnte man zunächst vermuten, dass die Aktienkurse fallen sollten. Höhere Zinsen verteuern die Finanzierung, lassen die Anleiherenditen steigen und können die Konjunktur dämpfen. Die Entscheidung der Federal Reserve im September hat jedoch gezeigt, warum die Finanzmärkte nicht nach einer so einfachen Regel funktionieren. Die Fed hob die Zinsen um 25 Basispunkte auf 3,75–4,00 % an, doch der S&P 500 stieg nach der Bekanntgabe an, und die Renditen von US-Staatsanleihen gingen zurück. Der Schlüssel zum Verständnis dieser Reaktion liegt in den Markterwartungen.
Der Kurs einer Aktie, einer Anleihe oder einer Währung spiegelt nicht nur bereits bekannte Informationen wider. Anleger versuchen ständig, die zukünftige Entwicklung einzuschätzen und diese Erwartungen schrittweise in die Kurse einzuarbeiten.
Im Vorfeld der Fed-Sitzung im September schätzte der Markt die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung um 25 Basispunkte auf über 90 %. Der Schritt selbst stellte daher für Anleger keine große Überraschung dar.
Wenn ein großer Teil des Marktes bereits seit mehreren Tagen oder Wochen dieselbe Entscheidung erwartet, können Anleger ihre Portfolios noch vor der offiziellen Bekanntgabe anpassen. Aktienkurse können fallen, Anleiherenditen steigen oder der US-Dollar an Wert gewinnen, noch bevor die Zentralbank zusammentritt.
Wenn die Fed schließlich die erwartete Entscheidung bekannt gibt, gibt es für die Märkte möglicherweise kaum noch neue Informationen, die sie einpreisen könnten.
Dieses Phänomen wird als „eingepreist“ bezeichnet, was bedeutet, dass ein bestimmtes Szenario bereits weitgehend in den Marktpreisen berücksichtigt ist.
Betrachten wir zwei Situationen.
In der ersten erwartet der Markt eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte, und die Fed erhöht die Zinsen tatsächlich um 25 Basispunkte. Die Entscheidung ist restriktiv, enthält aus Anlegersicht jedoch keine nennenswerte Überraschung.
In der zweiten Situation erwartet der Markt ebenfalls 25 Basispunkte, doch die Fed erhöht die Zinsen um 50 Basispunkte. Gerade die Differenz zwischen Erwartungen und Realität kann eine deutlichere Marktreaktion auslösen.
Für einen Anleger lautet die Frage daher oft nicht:
„Hat die Fed den Zinssatz angehoben?“
Die wichtigere Frage lautet:
„Hat die Fed etwas anderes getan, als der Markt erwartet hat?“
Finanzmärkte reagieren in erster Linie auf neue Informationen. Je größer die Differenz zwischen den Erwartungen der Anleger und dem tatsächlichen Ergebnis ist, desto ausgeprägter kann die Kursbewegung ausfallen.
Die Sitzung im September liefert ein gutes Beispiel. Die Fed hob ihren Zielkorridor auf 3,75–4,00 % an, während das FOMC mit 12:0 einstimmig dafür stimmte. Es war zudem die erste Zinserhöhung seit 2023.
Unter normalen Umständen bedeuten höhere Zinsen mehrere Herausforderungen für Aktien. Unternehmen sehen sich mit höheren Finanzierungskosten konfrontiert, Haushalte könnten ihren Konsum drosseln, und sicherere Anleiheinvestitionen könnten zunehmend attraktivere Renditen bieten.
Trotzdem stieg der S&P 500 nach der Entscheidung der Fed.
Eine solche Reaktion bedeutet nicht zwangsläufig, dass Anleger höhere Zinsen positiv bewerten. Vielmehr bedeutet sie, dass die Zinserhöhung an sich nicht schlimmer war als das Szenario, das der Markt bereits eingepreist hatte.
Ein Teil der negativen Auswirkungen könnte bereits vor der Sitzung in den Kursen berücksichtigt worden sein.
Bei der Analyse von Fed-Sitzungen reicht es daher nicht aus, nur die Veränderung des Zinssatzes zu beobachten. Der Markt bewertet das gesamte Paket neuer Informationen.
In den Prognosen vom September erwarteten beispielsweise 16 von 18 Fed-Vertretern mindestens eine weitere Zinserhöhung im Laufe des Jahres, während vier sogar Spielraum für bis zu zwei weitere Erhöhungen sahen. Die Fed hob zudem ihre Inflationsprognosen für 2026 auf 3,7 % für den Gesamt-PCE und 3,4 % für den Kern-PCE an.
Andererseits verbesserte sie ihre Prognose für die Arbeitslosenquote auf 4,1 %.
Für die Märkte kommt es daher nicht nur darauf an, wo die Zinsen heute stehen, sondern auch darauf, wie sie sich in den kommenden Monaten und Jahren voraussichtlich entwickeln werden.
Anleger verfolgen daher den sogenannten „Dot Plot“, die Konjunkturprognosen der Fed und die Pressekonferenz des Zentralbankchefs. Ein einziger Satz über den künftigen geldpolitischen Kurs kann manchmal größere Auswirkungen haben als die Zinsänderung selbst.
Auf den ersten Blick mag auch eine andere Marktreaktion ungewöhnlich erscheinen: Die Renditen von US-Staatsanleihen gingen nach der Entscheidung der Fed zurück.
Auch hier liegt jedoch kein Widerspruch vor.
Anleiherenditen entwickeln sich entsprechend den Erwartungen der Anleger. Hatte der Markt bereits vor der Sitzung eine erhebliche geldpolitische Straffung eingepreist, führt die Bestätigung des erwarteten Schritts nicht zwangsläufig zu einem weiteren Anstieg der Renditen.
Im Vorfeld der Sitzung war die Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihe seit der Rede von Kevin Warsh in Jackson Hole um etwa 25 Basispunkte gestiegen und lag rund einen ganzen Prozentpunkt über ihrem Tiefstand vom Februar.
Ein wesentlicher Teil der Anpassung hatte daher bereits vor der offiziellen Entscheidung stattgefunden.
Genau aus diesem Grund wenden die Märkte oft das Prinzip an:
„Kaufe das Gerücht, verkaufe die Nachricht.“
Das bedeutet nicht, dass sich der Markt nach einer Nachrichtenveröffentlichung immer in die entgegengesetzte Richtung bewegt. Vielmehr spiegelt es die Tatsache wider, dass Anleger oft bereits vor dem tatsächlichen Eintreten eines erwarteten Ereignisses darauf reagieren.
Das gleiche Prinzip gilt nicht nur für Entscheidungen der Fed.
Die Inflation mag im Jahresvergleich steigen, aber wenn das Ergebnis unter den Markterwartungen liegt, können Aktien positiv reagieren. Ein Unternehmen mag Rekordgewinne ausweisen, doch seine Aktien könnten fallen, wenn Anleger ein noch besseres Ergebnis erwartet hatten. Die Wirtschaft mag Tausende neuer Arbeitsplätze schaffen, doch der Markt könnte negativ reagieren, wenn die Konsensprognose deutlich höher lag.
Die Zahl allein vermittelt daher kein vollständiges Bild.
Ein professioneller Umgang mit makroökonomischen Ereignissen stützt sich auf mindestens drei Kennzahlen:
vorheriger Wert → Markterwartung → tatsächliches Ergebnis
Nur durch deren Vergleich lässt sich feststellen, ob die neuen Informationen eine positive oder negative Überraschung für den Markt darstellen.
Die Zinserhöhung der Fed im September veranschaulicht deutlich, warum sich Bewegungen an den Finanzmärkten nicht durch eine einfache Beziehung wie „höhere Zinsen = niedrigere Aktienkurse“ erklären lassen.
Märkte blicken in die Zukunft. Anleger reagieren daher schon lange bevor die Fed, eine Regierung oder ein Unternehmen eine offizielle Entscheidung bekannt gibt.
Wenn die Ankündigung schließlich erfolgt, kommt es möglicherweise nicht mehr darauf an, was tatsächlich passiert ist, sondern in erster Linie darauf, wie stark das Ergebnis von dem abwich, was bereits eingepreist war.
Für einen Anleger oder Händler ist es daher sinnvoll, nicht nur den endgültigen Wert jedes wichtigen makroökonomischen Ereignisses zu beobachten, sondern auch den Marktkonsens und die Erwartungen hinsichtlich zukünftiger Entwicklungen. Oft ist es gerade die Differenz zwischen Erwartungen und Realität, die die Kurse tatsächlich bewegt.
Die am 3. September veröffentlichten makroökonomischen Daten aus den USA zeigten eine stärkere Konjunktur im Dienstleistungssektor bei gleichzeitig anhaltend schwacher Beschäftigungsentwicklung. Die Unternehmen entlassen nur wenige Mitarbeiter, die Auftragseingänge steigen stark an, dennoch schrumpft die Beschäftigung im Dienstleistungssektor weiter. Gleichzeitig melden die Unternehmen den stärksten Preisdruck bei den Vorleistungen seit fast vier Jahren. Für die Geldpolitik ist daher die Divergenz zwischen Nachfrage, Beschäftigung und Preisen das zentrale Thema.
Mehr lesen →Viele Anfänger glauben, dass die Tageszeit keine Rolle spielt, wenn sie erst einmal ein gutes Handels-Setup gefunden haben. Doch die Märkte verhalten sich nicht zu jeder Stunde gleich. Die Anzahl der aktiven Händler ändert sich, das Handelsvolumen ändert sich, die Volatilität ändert sich, und sogar die Qualität der Kursbewegungen kann unterschiedlich sein. Ein Setup, das während einer aktiven Handelssitzung gut funktioniert, kann sich einige Stunden später völlig anders verhalten. Aus diesem Grund achten erfahrene Trader nicht nur darauf, was sie handeln möchten. Sie achten auch darauf, wann sie es handeln.
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